Fortaleza, oder wie die Angst bei uns einzog

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Fortaleza in der Abenddämmerung - Vom Hotelbalkon aus ganz schön...

In Brasilien sollte unsere gemeinsame Zeit mit meiner Mutter enden. Eigentlich wollte sie schon von Rio de Janeiro aus wieder nach Deutschland fliegen, aber von dort haben wir keine bezahlbaren Direktflüge gefunden, oder wenigstens Flüge ohne unmögliche Wartezeiten. Condor fliegt aber aus verschiedenen nordbrasilianischen Städten direkt nach Frankfurt, also haben wir uns überlegt, noch ein paar Tage Strandurlaub in Fortaleza zu machen, bevor es für Annette wieder in das kalte Deutschland gehen sollte.

 

Da die Planung für Patagonien sehr zeitaufwändig war und unser Hauptaugenmerk ja hier lag, habe ich mich gar nicht großartig um diesen letzten Abschnitt der gemeinsamen Reise gekümmert. Ich habe ein Hotel gebucht und das Ganze dann vergessen, bis Annette mich einige Tage vor unserem Flug in den Norden dann mal fragte: Was ist das eigentlich für ein Ort, was machen wir da?

 

Also hab ich mal angefangen zu googeln, und mich hat fast der Schlag getroffen. Wenn man Fortaleza eingibt, wird direkt „Fortaleza Kriminalität“ und „Fortaleza most dangerous cities worldwide“ vorgeschlagen… Und ich hab natürlich den Fehler gemacht draufzuklicken… Nach einer halben Stunde Horrorgeschichten hab ich dann realisiert, dass wir auf dem Weg in eine nicht sehr schöne und offensichtlich auch unglaublich gefährliche Stadt waren, in der man wenig unternehmen kann, ohne nicht eine Tour zu buchen und weit zu fahren. Super gemacht, Eva.

 

 Ich wollte aber meiner Mutter das nicht so direkt auf die Nase binden, damit ihr nicht die letzten Tage verhagelt werden. Außerdem hatten Miriam und ich geplant, noch ein paar Tage länger dort zu bleiben, und ich wollte nicht, dass meine Mutter sich pausenlos Sorgen macht, wenn sie dann wieder in Deutschland sitzt. Also hab ich mir vorgenommen, einfach super vorsichtig zu sein, ohne die beiden einzuweihen – wieder eine super Idee, wie man sich vorstellen kann.

 

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Eigentlich ist Fortalza eine Fischerstadt - leider ist die Kriminalität vor allem in Verbindung mit Drogenhandel in den letzten Jahren stark gestiegen

Als wir dann also in Fortaleza angekommen sind, hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Wir sind dann mit dem Taxi ins Hotel und haben eingecheckt. Hier war alles super und wir hatten auch ein Zimmer, in dem man sich durchaus gerne aufhalten konnte, mit Balkon mit Meersicht. Einen Pool gab es natürlich auch, und Miriam war im siebten Himmel. So langsam habe ich mich also ein bisschen entspannt und mir dann auch nochmal klar gemacht, dass ich runter kommen muss. Natürlich ist Fortaleza eine gefährliche Stadt, aber nicht tagsüber am Malecon für Touristen. Die meisten Probleme gibt es mit dem Drogenhandel, und mit dem hatten wir ja nichts am Hut.

 

Da das Hotelwasser immer so teuer ist, hab ich mich noch schnell auf dem Weg gemacht, um ein paar große Flaschen für uns zu kaufen. Als ich an der Rezeption nach dem Weg zum nächsten Supermarkt gefragt habe, wollten die mir direkt ein Taxi rufen und haben nur die Nase gerümpft, als ich sagte ich wollte lieber laufen. Nachdem ich 20 Minuten ohne Erfolg auf der rechten Seite des Hotels nach einem Kiosk oder kleinen Laden gesucht habe, wollte ich es auf der anderen Seite versuchen. Sofort kam mir ein Sicherheitsmann hinterher gehechtet und hielt mich auf: Ich dürfe auf keinen Fall aus dem Hotel nach links abbiegen, viel zu gefährlich. Super, da war wieder die Angst. Wo hab ich uns da nur hingebracht…  Wasser hab ich dann doch überteuert im Restaurant gekauft, ich hatte einfach keinen Nerv mehr.

 

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Miriam am Strand

Abends habe ich dann Annettes Vorschläge draußen zu essen mit der Begründung abgeblockt, ich sei zu müde und bin mit dem Gefühl ins Bett gegangen, keine Ahnung zu haben wie wir die nächsten Tage überbrücken sollten. Die ganze Nacht über habe ich Polizeisirenen in der Ferne gehört.

 

In der Zeit bis zu Annettes Abflug haben wir dann noch Spaziergänge am Strand und Malecon gemacht und versucht das Beste aus der Zeit zu machen. Natürlich hat Annette aber gemerkt, dass ich die ganze Zeit nervös war und sie ständig „umgeleitet“ habe. Um die Festnahme mit Maschinenpistolen auf offener Straße. Um den betrunkenen Mann, der quer auf dem Weg lag und geschlafen hat. Um die Gruppe Jugendlicher, die mir irgendwie komisch vorkamen. Irgendwann bin ich auch total paranoid geworden und habe überall Bedrohungen gesehen. Strandentspannung sieht anders aus.

 

Den Vogel abgeschossen habe ich dann aber, als ich endlich einen Supermarkt gefunden hatte… Ich hatte nicht mehr genug Bargeld und musste also Geld abheben. Vorher hab ich mir noch genau überlegt, nur die Kreditkarte in der Hosentasche mitzunehmen und alles andere im Hotel zu lassen. Ich hab also mein Portemonnaie in den Rucksack gepackt und wollte los. Im letzten Moment ist mir eingefallen, dass ich ja eine Tasche brauche und habe den Rucksack gegriffen. Auf halben Weg fällt mir glühend heiß ein: Ich Idiot trage jetzt gerade ALLE Dokumente und ALL unser Geld in diesem verdammten Rucksack mit mir rum. Das hat natürlich nochmal zu meiner Paranoia beigetragen.

 

Vor dem Supermarkt ist mir dann ein junger Mann mit Tätowierungen überall entgegengekommen und hat mich kurz angelächelt. Ich hab sofort Schweißausbrüche bekommen und war mir sicher, dass der mich ausrauben wird und mein letztes Stündchen geschlagen hat. Natürlich wollte mir das arme Kerlchen nichts tun, aber ich hab überall nur noch Banditen gesehen.

 

Annette haben wir dann schließlich sicher zum Flughafen gebracht, aber natürlich hat sie gemerkt, dass irgendwas nicht stimmte. Kaum zu Hause hat sie dann auch google bemüht und sich dann natürlich doch die Sorgen gemacht, die ich ihr eigentlich ersparen wollte. Miriam und ich waren dann noch drei Tage in Fortaleza, und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir das Hotel kaum verlassen haben. Ja, ich hatte viel Arbeit zu erledigen und hab auch viel geschafft, und ein paar Tage Nichts-Tun haben uns auch sehr gut getan, aber der wahre Grund ist schlicht und einfach: Ich hatte panische Angst.

 

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Auch wenn wir kaum vor die Tür gegangen sind, Miriam hatte Spaß im Hotelpool...

Auch wenn Fortaleza objektiv wohl zu den gefährlicheren Städten weltweit gehört und das ein absoluter Fail meinerseits bei der Reiseplanung war, so war meine konstante Panik dann aber doch auch übertrieben. Ich denke eine große Rolle hat gespielt, dass ich mich einfach total verantwortlich für meine Mutter und meine Tochter gefühlt habe, aber so bange habe ich mich noch nie machen lassen. Ich habe mich nach ein paar Tagen wirklich so gefühlt, als wenn die Angst bei mir eingezogen wäre und ich sie nicht wieder los werde. Kein schönes Gefühl! Als wir dann endlich im Flieger saßen, sind mir mehrere Steine von Herzen gefallen und ich habe kein Mal zurück geblickt!

 

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Bloß weg hier - ich glaube ich war noch nie so froh, einer Stadt den Rücken kehren zu können...

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Kommentare: 3
  • #1

    Angela (Donnerstag, 04 Mai 2017 21:52)

    Liebe Eva,
    puh, eine schlimme Geschichte, aber ich kann sie dir irgendwie nachfühlen. Es ist echt schwierig mit solchen Ängsten umzugehen. Wir fliegen im Herbst nach Südafrika und ich muss sagen: Nach allem, was andere Familien erzählen, macht es mir zum ersten Mal etwas Angst, dass kein Mann mit uns reist. Ich hoffe, dass ich bis zum Abflug eine Strategie gefunden habe, mit dieser Angst umzugehen. Ist ja zum Glück noch ein Weilchen hin :-)
    Liebe Grüße
    Angela

  • #2

    Nicole (Freitag, 05 Mai 2017 08:59)

    Wir hatten in Irland ein Hotel gebucht-vorab- es war das letzte vor unserem Rückflug nach Deutschland und wir wollten 2 Nächte bleiben. Ich war geschafft von der Fahrt und hatte mich gefreut auf das Hotel mit Meerblick und war nicht sooo glücklich als ich feststellte, dass es auf der Strandpromenade zu sein schien. Viele Menschen, Partymeile...nicht der erholsame Abschluss unserer Reise den ich erhoffte....bei jedem an dem ich vorbei fuhr dachte ich oh bitte nicht das...Als wir dann das unsere erreichten hätte ich jedes andere genommen. ...um es kurz zu machen...wir waren in Bates- Motel gelandet...Alt, heruntergekommen...es war mit Sicherheit mal das Beste Hotel am Ort- das letzte an der Promenade- dichter am Strand als alle anderen...vor einem gefühlten Jahrhundert....jetzt befand sich nebenan eine Disco mit Spielcasino...dementsprechend das Klientel...junge Männer, ältere -in Gruppen...angetrunken oder ferngesteuert- ich hätte heulen können...wäre nicht vor uns eine junge Deutsche eingecheckt mit 2 Kindern die nichts gebucht hatte, sondern nur noch dieses freie gefunden hatte- ich hätte wohl lieber im Auto geschlafen.... die Besitzerin- über 70- nahm uns persönlich in Empfang und brachte uns in unser Zimmer. Mit einem Fahrstuhl, bei dem ich ganz sicher nicht unbegründete Bedenken hatte, die Fahrt heil zu überstehen..Der nächste Schock: das Zimmer- einfach und sauber- aber vor allem alt, kalt und muffig - für meinen Sohn und seine Atmung der Horror-die Fenster ließen sich nicht öffnen und ich bekam für einen Augenblick voll die Panikattacke und keine Luft....es half nur raus-mein 2.5 jähriger hatte Hunger und zu essen gab es nur noch in einem Schnellrestaurant im Casino nebenan......mir war alles egal...meine Erholung der letzten Tage war absolut dahin...mein Sohn völlig überdreht rannte von Blinkautomat zu Blinkautomat während wir aufs Essen warteten...Ich wollte auch nicht zurück ins Hotel und ging mit ihm noch an den Strand und von hier sah alles dann zum Glück ein bisschen weniger dramatisch aus. Ich kam ein bissel runter. Ich glaube das Schlimme war(ist) meine Verantwortung für meinen Sohn, denn Angst in der Form kenne ich so nicht. Es ist etwas völlig anderes, wenn man nicht will das so einem kleinen unbedarften Geschöpf etwas passiert, etwas seine Welt erschüttert.... wir sind zurück ins Hotel, ich habe es dann zwar mit Gewalt geschafft das Fenster zu öffnen- konnte es aber nicht offen lassen, da es einen Balkon rund ums Haus gab- von jedem Zimmer zu erreichen- und ich mein Sicherheitsdenken einfach nicht ausschalten konnte und wollte....wir haben in unseren Sachen geschlafen...für meinen Sohn wegen der Kälte. ...und als in der Nacht die Betrunkenen lautstark heim kamen und mein Sohn anfing zu husten, habe ich mein Telefon geschnappt und über Booking für die letzte Nacht umgebucht....im nachhinein war mein Handeln vielleicht überzogen...vielleicht aber auch nur, weil wir die letzten 2 Tage in den Wicklow Mountains verbracht haben und dies einer der schönsten Orte ist der vieles vergessen lässt...aber im Zweifel würde ich wieder so agieren ...das Mutterbauchgefühl ist einfach so wichtig und verlässlich. LG

  • #3

    Tanja L. (Samstag, 06 Mai 2017 21:56)

    Klingt spannend! Ich glaube, ich hätte aber genau so viel Angst gehabt wie du. Auch wenn vieles nur Panikmache ist, aber so wirklich wohl fühlt man sich ja sicherlich nicht...