Puppen oder Autos? Geschlechterstereotype bei Kindern

„Nein, heute will ich kein Kleid anziehen“ sagte Miriam mir eines Morgens. Endlich, dachte ich mir – endlich ist sie über ihre pinke Kleid Phase hinweg. Endlich muss ich mit ihr nicht mehr jeden Morgen diskutieren, dass es eine schlechte Idee ist, ihr Ballett Tutu in der Schule anzuziehen. Und endlich muss ich mich nicht mehr ständig beim Einkaufen anhören, dass sie bestimmt schon auf hochhackigen Schuhen laufen kann und alt genug dafür ist.

 

Die letzten Jahre waren manchmal ganz schön hart für mich. Bevor ich ein Kind hatte, hätte ich mir nie träumen lassen, dass meins so dermaßen anders sein würde als ich. Aber so ist es passiert. Der Großteil meiner Garderobe ist schwarz, an einem abenteuerlichen Tag ziehe ich auch schon mal was Blaues an. Ihre absolute Lieblingsfarbe für viele Jahre: Pink. Ich hasse shoppen, sie liebt es. Meine Mutter erzählt mir immer noch die Geschichte wie ich beim ersten Schuhkauf der Verkäuferin ins Gesicht getreten habe, weil ich partout nichts anprobieren wollte. Als ich mit Miriam zum ersten Mal los war, hat sie sich geduldig unzählige Modelle anziehen lassen und diese jedes Mal lange betrachtet, bis sie sich am Ende entschieden hat. Und da war sie gerade mal ein Jahr alt. Mittlerweile hat sie schon mehr Makeup als ich, was aber auch nicht schwierig ist, da ich keins besitze…

 

Es war also nicht immer einfach für mich, mich auf ihren Geschmack einzulassen und zu akzeptieren, dass ihr Berufswunsch für viele Jahre Prinzessin war. Aber ich habe versucht sie zu lassen, da ich mich sehr gut daran erinnern kann, wie es mir als Kind ging. Allerdings gingen meine Schwierigkeiten in die andere Richtung.

 

Geschlechterstereotype bei Kindern
Miriam liebt ihre Kleider...
Geschlechterstereotype bei Kindern
... und ich liebte meine grüne Jacke

Auf alten Kinderfotos habe ich oft noch lila oder pink an, bis ich wohl mit vier Jahren beim Einkaufen schnurstracks auf eine grüne Jacke zugelaufen bin und gesagt habe: "Die will ich haben". Puppen fand ich eher uninteressant und am liebsten habe ich mit meinen männlichen Freunden in der Kindergruppe Indianer oder Räuber gespielt – Hauptsache wild und draußen. Meine Eltern  haben immer versucht haben, mich so frei sein zu lassen wie möglich, aber da gab es ja noch viele andere Leute, die eine Meinung hatten. Ich kann nicht mehr zahlen, wie oft ich gefragt wurde, warum ich keine langen Haare haben will oder warum ich immer Hosen an habe. Oder wie oft mir gesagt wurde, dass meine kurzen und manchmal dreckigen Fingernägel nicht mädchenhaft seien. Ich habe jahrelang immer gesagt, dass ich am liebsten ein Junge wäre, einfach weil es mir so vorkam, als wenn das was ich wollte nicht weiblich genug war. Ich wollte auf keinen Fall, dass Miriam irgendwann das Gefühl bekommt, dass etwas mit ihr nicht stimmt, nur weil sie anderes möchte als ich. Also hieß das Programm pink!

 

Ich glaube, es ist also nur verständlich, dass ich mich sehr gefreut habe, als sie mir verkündete, dass sie jetzt mit Kleidern und Prinzessinnen durch ist. Nicht, weil ich denke dass irgendwas daran nicht richtig ist, sondern einfach weil es mir so schwer fiel, mit ihr eine Verbindung zu diesen Themen zu finden. Das war einfach nicht ich. Ich war also froh – aber nach einer Zeit habe ich gemerkt, dass sie das nicht war. Wenn sie sich selbst dafür entschieden hat, ihre pinke Phase hinter sich zu lassen, warum war sie dann selbst so unausgeglichen und offensichtlich unzufrieden mit ihrer Entscheidung? Eines Abends vor dem Schlafengehen habe ich mich in Ruhe mit ihr hingesetzt und sie gefragt, warum sie denn keine Kleider mehr möchte, wenn sie doch offensichtlich doch noch sehr an ihnen hängt. Ihre Antwort hat mich unendlich traurig gemacht.

 

“Ich sehe doch, dass du deine Kleider immer noch magst – warum willst du sie dann nicht mehr anziehen?”, habe ich sie gefragt. „Die anderen Mädchen, mit denen ich spiele haben mir gesagt, dass Kleider und Prinzessinnen doof sind und sie nicht mehr mit mir spielen wollen.“

 

Da war es also – knapp 30 Jahr nachdem ich mich für meine Hosen rechtfertigen musste, muss meine Tochter für ihre pinken Kleider kämpfen. Anstatt die freie Wahl zu haben, sich auszusuchen was sie möchte, wird sie wieder in eine Schublade gesteckt – und diesmal sogar von ihren eigenen Freundinnen.

 

Ich weiß dass unser Problem eher die Ausnahme ist, in den meisten Fällen werden Kinder weiterhin eher in die klassischen Ecken gestellt, was Geschlechterstereotype betrifft. Eine Freundin von mir beschrieb noch kürzlich eine Situation, in der ihre Tochter lange darauf gewartet hatte, mit einem Auto spielen zu können, nur damit eine andere Mutter sich mit ihrem Sohn vordrängelte mit dem Kommentar: „Die ist ein Mädchen, die will bestimmt nicht mit Autos spielen“. Und dass man in den „Mädchenabteilungen“ in Spielwarenhandlungen weiterhin einen Pinkschock bekommt, während jegliches technische Spielzeug bei den Jungs zu finden ist. Und auch Miriam musste sich schon oft anhören: Du bist ein Mädchen, spiel nicht so wild und mach deine Anziehsachen nicht dreckig. Egal wie herum – jede Schublade ist schlecht. Denn welches Kind passt da schon rein?

 

Emanzipation bedeutet für mich vor allem freie Wahl – nicht zwangsläufig das Gegenteil von früher. Emanzipation bedeutet für mich auf keinen Fall, dass Mädchen jetzt nicht mehr Prinzessinnen toll finden dürfen, oder dass ich unfeministisch bin, wenn ich meiner Tochter eine Puppe kaufe.

 

Wenn ein Mädchen sich dafür entscheidet, Prinzessinnen, pinke Kleider und Glitzerschuhe toll zu finden, sollten wir das respektieren und in Ordnung finden. Genauso, wenn ein Junge Fußball spielen will und gerne mit Autos spielt, sollte das ok sein. Oder wenn ein Mädchen in ihrem pinken Kleid Fußball spielen möchte. Oder ein Junge mit Puppen. Sollten wir nicht mittlerweile an einem Punkt angelangt sein, an dem wir verstehen dass freie Wahl das entscheidende ist, nicht das was im Endeffekt ausgewählt wird?

 

Zum Glück hatte ich Miriams Kleider und Puppen alle aufbewahrt, und nach ein paar Wochen wollte sie diese auch zurück haben. Wir haben sehr viel gesprochen und ich habe ihr immer wieder erklärt, dass alles was sie auswählt ok ist, und dass sie sich nicht den Standards anderer Menschen anpassen muss. Einen sehr stolzen Moment hatte ich, als sie wieder in eine ähnliche Situation kam und ein paar Kinder auf dem Spielplatz ihr zuriefen: „Puppen sind doof!“. Voller Überzeugung rief Miriam zurück: „Ich kann spielen womit ICH will!“, und die Situation war gelöst. Denn mittlerweile versteht sie sehr gut, dass wir alle einzigartig sind und unterschiedliche Dinge in unsern Leben erreichen möchten – und dass das vollkommen in Ordnung ist!

 

 

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Martina von Jolinas Welt (Freitag, 01 Dezember 2017 18:43)

    So weit musste es ja irgendwann kommen, irgendwelche bekloppten Mütter sagen ihren Töchtern Pink ist doof, weil es sexsitisch ist.
    Haben diese Tussen ein Rad ab?
    Von mir aus können sie ihre Meinungen in Blogs rausposaunen, aber die Kinder sollten sie damit in Ruhe lassen, denn von selbst kommen Mädchen niemals auf die Idee, dass Prinzessinnen doof sind, jedenfalls nicht bevor sie in die Pubertät ommen, dann kommen de Einhörner ins Spiel ;-)

  • #2

    Eva (Dienstag, 05 Dezember 2017 02:54)

    Hallo Martina,
    also dem kann ich nur bedingt zustimmen, wie gesagt ich hatte nie was mit Prinzessinnen oder Kleidern am Hut und bin ja deswegen nicht weniger Mädchen oder so. Aber das ich in meiner Kindheit so viel zu kämpfen hatte, um mich so anziehen zu können wie ich wollte sollte ja nicht heißen, dass die Kinder von heute für das Gegenteil kämpfen müssen...
    Das man allerdings versucht, Mädchen auch da zu fördern wo die Interessen vielleicht nicht "klassisch weiblich" sind kann ich gut verstehen, und immer genau zu wissen was das eigene Kind jetzt eigentlich will und braucht ist eben nicht immer so einfach.
    Viele Grüße,
    Eva

  • #3

    Dagmar (Donnerstag, 07 Dezember 2017 23:02)

    Das ist eine schöne Geschichte, die zeigt, dass vieles nicht so ist, wie es auf dem ersten Blick wirkt.
    Wie gut, dass du deine Tochter gefragt hast und so herausgefunden hast, was sie beschäftigt. Denn manchmal ist das, was wir als freie Entscheidung unserer Kinder ansehen, von ihrer Umgebung mitbeeinflusst. Und andere Kinder können da eine große Rolle spielen.
    Liebe Grüße
    Dagmar