Nachhaltigkeit für wen?

Der eigentliche Aufhänger für unsere Reise war ja der Besuch einer Konferenz in Portland. Die Konferenz heißt „On Sustainability“ und ist eine Konferenzreihe. Letztes Jahr war ich schon in Kopenhagen dabei, und es hat mir so gut gefallen, dass ich auch 2016 nicht fehlen wollte (ehrlichgesagt plane ich schon 2017, damit es auch ja nicht langweilig wird ;-)). Um diese drei Tage in Portland herum hat sich dann der Rest unserer Reise entwickelt, so dass ich immer wenn jemand gefragt hat, ob wir Urlaub machen sagen konnte: „Nein, ich besuche eine Konferenz. Ist eine Arbeitsreise…“

 

Und auch dieses Jahr hat „On Sustainability“ mich nicht enttäuscht. Was ich schon letztes Jahr so toll fand war die wirklich interdisziplinäre Zusammensetzung der Sprecher und Teilnehmer. Im Bereich Geographie ist eigentlich jede Konferenz interdisziplinär, also mit Vertretern von verschiedenen Fachdisziplinen besetzt. Meistens heißt das aber in der Praxis, dass 80 % Naturwissenschaftler auf 20% Sozialwissenschaftler treffen oder andersherum. Auch wenn der Austausch mit Kollegen aus einem ähnlichen Fachbereich natürlich sehr hilfreich ist, so gibt er mir doch selten neue Perspektiven und Einblicke. In Portland waren zwar auch viele Naturwissenschaftler dabei, aber auch Künstler, Unternehmer, Architekten, Psychologen, Stadtplaner und viele weitere Berufsgruppen. Einige haben Nachhaltigkeit ganz abstrakt als Konzept in Frage gestellt, andere ganz konkret an Kohlenstoffkompensationssystemen gearbeitet und die Bandbreite an Meinungen und Ansichten war unglaublich groß.

 

Ich habe durch die Vorträge und Gespräche während des Kongresses nochmal ganz neue Einsichten in die Nachhaltigkeitsthematik, aber auch in das Thema meiner Doktorarbeit bekommen. Jedenfalls ist mir deutlich klar geworden, dass Nachhaltigkeit für jeden etwas anderes bedeutet, und keineswegs so eindeutig definierbar ist, wie ich immer dachte. Jeder kennt das drei Säulen Modell, in dem Ökologie, Ökonomie und Soziales sich überschneiden müssen, um eine nachhaltige Existenz zu ermöglichen. Trotzdem war mir nie klar, wie viele verschiedene Sichtweisen sich auch mit diesem gemeinsamen Ausgangsmodell entwickeln können.

 

Für viele der Sprecher der Konferenz ist eines der wichtigsten Elemente von Nachhaltigkeit soziale Gerechtigkeit. Solange es extreme Armut auf der Welt gibt, so lange bestimmte Bevölkerungsgruppen benachteiligt werden, kann es keine Nachhaltigkeit geben. Ich als Naturwissenschaftlerin hatte soziale Aspekte in „meiner“ Definition immer eher am Rand angesiedelt als etwas, dass sich schon von selbst einstellt… Ganz basierend auf der klassischen Brundtland Definition hatte Nachhaltigkeit für mich vor allem etwas mit Ökologie und Ressourcen zu tun, obwohl ich wahrscheinlich der Ökonomie auch eine tragende Rolle zugewiesen habe. Als ich mit diesen ganzen neuen Erkenntnissen nach Hause gekommen bin und mit einer Freundin darüber gesprochen habe, hat die mir nochmal neue Perspektiven eröffnet. Sie arbeitet im Gesundheitswesen und für sie hatte Nachhaltigkeit immer etwas mit dem Renten- und Gesundheitssystem zu tun, da sich das eben nachhaltig tragen muss.

 

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf habe ich dann auch nochmal meine Doktorarbeit überdacht. Ganz naiv und wahrscheinlich auch vermessen habe ich ihr vor vier Jahren den Titel „Transition to sustainability“ gegeben, also „Transformation zur Nachhaltigkeit“. Meine These war, dass Landwirte in Nepal nachhaltige Landwirtschafts- und Lebensunterhaltsstrategien entwickeln, wenn man sie dabei unterstützt, Zukunftsvisionen zu visualisieren. Die Ergebnisse sind vielversprechend, die Landwirte haben wirklich Strategien entwickelt, die in meine Nachhaltigkeitsdefinition passen. Aber wie kann ich das eigentlich noch Nachhaltigkeit nennen?  Es ist ja eigentlich nur meine Vorstellung eines Konzeptes, das mit der Lebenswirklichkeit der Landwirte wenig zu tun hat. Kann ich entscheiden, was in einem kleinen Dorf in Nepal als nachhaltig empfunden wird?

 

In Kaule wird es ein neues Wassersystem geben, Bäume werden angepflanzt und der Müll wird aufgesammelt, und dass sind alles tolle Entwicklungen, die viel mit dem ökologischen Aspekt von Nachhaltigkeit zu tun haben. Aber wird sich dadurch wirklich etwas an systemischer Armut ändern? Wäre es nicht eigentlich genauso „nachhaltig“ gewesen, wenn die Landwirte gesagt hätten, sie hätten gerne alle einen Fernseher, weil es ungerecht ist, dass nur ihre Nachbarn einen haben? Das wäre dann eben eher soziale Gerechtigkeit und damit Nachhaltigkeit gewesen. Welche Dimension von Nachhaltigkeit wir als die entscheidende betrachten, verändert sich ja von Person zu Person, teilweise sogar von Situation zu Situation.

 

Naja, eine richtige Antwort auf alle meine Fragen habe ich nicht. Ich denke aber, dass es gut ist sich kritisch mit dem Konzept auseinanderzusetzen und sich bewusst zu machen, welche Dimension für einen selbst entscheidend und wichtig ist. Nur durch Reflektion kann die eigene Positionalität erkennen, und ich denke, da habe ich für mich – auch und vor allem durch die Teilnahme an der Konferenz – wenigstens einen Anfang gemacht.

 

Was ist denn Nachhaltigkeit für euch? Habt ihr eine feste Definition, oder ändert sich das auch? Mich würde sehr eure Meinung zu diesem Thema interessieren.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Veronika Kempf (Montag, 28 März 2016)

    Die 3 Säulen der Nachhaltigkeit kannte ich noch nicht, vielen Dank hierfür! Den Vergleich mit dem Fernseher würde ich (persönlich) jedoch wieder verwerfen, denn wieso sollten noch mehr Fernseher produziert werden, damit jeder einen haben kann? Würden sich die Menschen beim Nachbar zum Fernsehen treffen, sind damit nicht alle 3 Fliegen der Nachhaltigkeit geschlagen - sozial (Menschen sind zusammen), ökonomisch (Strom sparen) und ökologisch (weniger Elektroschrott)?

    Meine Vorstellung von Nachhaltigkeit ist zum einen Gemüseanbau (die niederl. Tomaten sind ohnehin der 4. Agregatzustand von H²O :-D ) und zum anderen ein so genannter Bücherschrank, wo jeder, der mag, Bücher hineinstellen und / oder herausnhemen kann. Book Sharing. Ich mag es und freue mich immer, wenn 'meine' Bücher beim nächsten Besuch alle weg sind.
    Viele Grüße
    Veronika

  • #2

    Eva (Dienstag, 29 März 2016 02:19)

    Hallo Veronika,
    vielen Dank für deinen Kommentar. Das mit den Fernsehern meinte ich auch nicht wirklich ernst, es war für mich nur ein Ausdruck dafür, dass ich am Anfang meiner Thesenbildung meine eigene Sicht von Nachhaltigkeit als einzig richtige empfunden habe... Das gemeinsam gucken wäre da eine deutlich bessere Idee :-)
    Viele Grüße,
    Eva

  • #3

    Marit (Donnerstag, 14 April 2016 17:00)

    Hallo Eva,

    ein sehr spannendes Thema und die Konferenz klingt auch wirklich interessant. Wo wird sie denn 2017 stattfinden?

    Ich denke, so pauschal kann man gar nicht beantworten, was Nachhaltigkeit eigentlich bedeutet. Ich finde aber auch, dass es sehr wichtig ist, immer mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und - wie du auch schon schreibst - zu reflektieren.
    Die drei Säulen sind natürlich das Modell, das Unternehmen auf sich anwenden können, um das Thema zu strukturieren. In der Realität bzw. für Privatpersonen ist das alles noch etwas komplexer - da geht es ja vor allem um Konsum: Was konsumieren wir und wie konsumieren wir? Und da gibt es so viele Facetten - angefangen bei Chemie und Mikroplastik in Konsumgütern über das Leiden von Tieren, Menschen und Natur für unseren Lebenstil, sei es Kleidung, Essen, Kosmetik bis hin zu den unfassbar großen Mengen an Müll, die anfallen, und auch anfallen müssen, da es Gesetze gibt, die Verpackungen vorschreiben und und und... Ich glaube, zu 100 Prozent nachhaltig zu leben, ist eine ziemlich große Herausforderung, aber jeder Schritt in die richtige Richtung ist wichtig und gut. Für mich persönlich heißt das: Ich esse zum Beispiel kaum bis gar kein Fleisch, viele Gerichte koche ich auch vegan, ich besitze kein Auto, sondern fahre viel Fahrrad, ich nutze hauptsächlich Naturkosmetik und ich versuche, wo es geht, von der "Wegwerfkultur" wegzukommen und weniger Dinge anzuschaffen, die länger halten.

    Liebe Grüße!

  • #4

    Eva (Donnerstag, 14 April 2016 18:50)

    Hallo Marit,
    vielen Dank für deinen Kommentar! Die Konferenz ist nächstes Jahr in Rio, also nicht gerade um die Ecke...
    Da ich meine Doktorarbeit in dem Bereich Nachhaltigkeit schreibe (ganz grob gesagt), habe ich glaube ich immer die Tendenz das ganze ein wenig zu theoretisch zu sehen... Aber du hast ja wirklich gute praktische Ansätze, wahrscheinlich muss man sich wirklich einfach nur selbst im Alltag an die Nase fassen... Und auch wenn ein 100% nachhaltiges Leben unmöglich ist, ich glaube so lange man sich seines Einflusses bewusst ist, hat man schon einen wichtigen Schritt getan!
    Viele Grüße aus Kathmandu,
    Eva