Anleitung zum Passiv-Sein

Es geht wieder mal um Nepal – um genauer zu sein, um die Politik in Nepal. Das letzte Jahr war echt hart, für Nepal, aber auch für mich persönlich. Erst das Erdbeben und all die Zerstörung, dann die Blockade (über die ich mich hier schon mal ausgelassen habe…), und schließlich der harte Winter, den die meisten Menschen in Zelten oder Metallverschlägen verbringen mussten. Aber um dem ganzen noch das i-Tüpfelchen aufzusetzen, haben sich die Gesetzesmacher hier jetzt nochmal übertroffen.

 

Miriam und ich haben uns den Winter über ja eine Auszeit gegönnt. Vor drei Wochen sind wir wieder hier aufgeschlagen, und ich war voller Motivation und Ideen, wie man an den Wiederaufbau in Kaule gehen könnte. Es haben sich neue Kontakte ergeben, ich konnte in Deutschland noch ein bisschen Spendengelder einsammeln, und insgesamt hatte ich das Gefühl, ich kann jetzt mit neuer Energie vieles angehen. Wie üblich hat mir die nepalische Regierung mit ihren wahnwitzigen Gesetzen das ganz schnell wieder ausgetrieben.

 

Schon seit Monaten schwirrten Gerüchte und Geschichten über die Regelungen für die Kompensation herum, niemand wusste so ganz richtig, wie das laufen sollte. Schon länger standen die Summen fest: Alle Familien, die ihre Häuser verloren hatten sollten 2 Lakh (ca. 2000 Dollar) Entschädigungszahlungen bekommen, außerdem Zugang zu Krediten mit sehr geringen Zinssätzen. Dieses Geld sollte dann in den Hausbau gesteckt werden, aber viel mehr war nicht klar. Jetzt sind Gesetze verabschiedet worden, und ich kann nur sagen: Viel besser könnte man seine Bürger nicht zur Passivität und Unselbstständigkeit erziehen. Und viel besser kann man auch nicht Eigeninitiative im Keim ersticken.

 

Das Spiel sieht so aus: Man setzt sich auf die Trümmer seines Hauses und wartet darauf, dass ein Team von der Regierung vorbei kommt, dem man seine Victimkarte zeigen kann (die wurden im Sommer verteilt – natürlich auch nicht ohne Probleme. Wenn man also keine hat, hat man sofort verloren und kann aus dem Spiel aussteigen). Ist ja auch kein Problem, das Erdbeben ist ja auch erst ein Jahr her, und in einem Trümmerhaufen kann man sich ja durchaus bequem einrichten. Im Gesetz steht übrigens, dass die Regierung sich bis zu fünf Jahre Zeit lassen kann, also sollte man vielleicht doch ein Kissen in den Rücken stecken, könnte etwas dauern. Wenn man also seine Victimkarte vorzeigen kann, bekommt man eine erste Rate von 500 $ ausgezahlt. Allerdings nicht in bar, sondern nur auf ein Bankkonto. Weil das ja alle Landwirte im ländlichen Nepal haben. Ok, hat kaum jemand. Aber auch da weiß die Spielleitung Abhilfe, es wird eine NGO gegründet, die das für die Landwirte übernimmt. In ganz Nepal. Und wenn jemand keine Papiere hat? Kein Problem, da findet man schon einen Weg. Korruption, Unterschlagung und Ungerechtigkeiten? Nein, das wird nicht passieren, Transparenz ist ja quasi Teil so eines Systems mit möglichst vielen verwobenen Teilnehmern.

 

Man darf sich dann aus einem Katalog von 16 Modellen ein Hausmodell aussuchen, welches man bauen muss. Die verschiedenen Modelle kosten zwischen 2 und 50 Lakh, da man aber ja nur 2 Lakh bekommt, kann man sich denken welches das beliebteste sein wird. Wenn dann also das Fundament gelegt ist, darf man wieder warten, bis ein Team von der Regierung vorbei kommt und die Freigabe für die zweite Rate gibt. Damit sollte man dann Mauern bauen können, und seien wir mal ehrlich, wer braucht schon ein Dach. Da kann man dann ruhig eine Zeitlang drauf warten, bis irgendwann die dritte Rate freigegeben wird. Und wenn man es überraschenderweise nicht geschafft hat, für 2 Lakh Rupien ein Haus für eine zehnköpfige Familie zu bauen, hat man sogar Zugang zu den Krediten. Allerdings auch nur maximal 3 Lakh. Und wieder mit Kontrollen. Weil man ja weiß, dass die Regierung sowas super koordinieren kann, hat sie ja schon im Laufe des letzten Jahres bewiesen.

 

Ach so, wenn man allerdings so dumm war, schon vor dem Winter mit Eigeninitiative selbst sein Haus wieder aufzubauen, zum Beispiel indem man einen Kredit aufgenommen hat, dann hat man sich selbst Schachmatt gesetzt. Dann bekommt man nämlich nichts mehr. Man hat ja schon ein Haus. Und auch wenn man Hilfe von einer Nichtregierungsorganisation bekommen hat. Da hat sich dann ja schon jemand anders gekümmert. Und alternative Hausformen, die nicht im Katalog der Regierung vorkommen? Auch damit fliegt man raus, weil die ja nur schlecht sein können. Es gibt doch nicht mehr als 16 Hausmodelle in der Welt, oder? Und bevor das untergeht: all das kann sich auch noch wieder ändern. Bloß keine Planungssicherheit geben, das könnte ja wiederum zu Aktivitäten führen, und das gilt es zu verhindern.

 

Am Ende gewinnt derjenige Teilnehmer, der sich am wenigsten bewegt hat. Für jeden eigenen Denkprozess oder gar eine eigene Aktion gibt es Punktabzug, bei Wiederholung hat man das Spiel verloren. Und selbst wenn man sich Regelkonform verhält, ist man am Ende kein Gewinner. Die wahren Gewinner sitzen nämlich in Kathmandu in sicheren Häusern und lacht sich kaputt…

 

Ich weiß, in der Realität wird alles wahrscheinlich nicht so schwarz wie ich es jetzt gemalt habe. Es wird sich schnell zeigen, dass diese Regelungen vollkommen impraktikabel sind und es wird Anpassungen geben, genau wie es bei fast jedem Vorschlag der Regierung seit dem Erdbeben Anpassungen an die Realität gab. Aber ich muss sagen, ich bin von dem Zynismus der Gesetzgeber schockierter denn je. Mensch dafür zu bestrafen, dass sie in unglaublichem Einsatz für ihre Familien Häuser geschaffen haben finde ich unglaublich.

 

Und auch für mich als Akteur in der Wiederaufbauhilfe ist das ein eindeutiges Signal: Mach bloß nichts. Am besten einfach mal abwarten, irgendwie ruckelt sich alles schon von selbst ein. Und damit ich hier nicht falsch verstanden werde: Ich wäre absolut dafür, den Organisationssektor in Nepal vernünftig zu regulieren und man genau zu gucken, wer was wie macht. Wenn es ernsthaft darum gehen würde, die beste und sicherste Lösung für die Opfer des Erdbebens zu finden, und ihnen möglichst schnell wieder Zugang zu sicheren Häusern zu verschaffen, wäre ich Feuer und Flamme für neue Regelungen. Aber ehrlichgesagt empfinden wir als landwirtschaftliche Organisation ja nur die Notwendigkeit, uns im Wiederaufbau zu engagieren, weil von der Regierung viel zu wenig kommt. Obwohl das Geld da wäre. Und da verstehe ich auch die bilateralen und multilateralen Geber nicht. Wie kann es sein, dass 4 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden, aber sich dann niemand darum kümmert, wie die ausgegeben werden. Solche Summen müssten doch auch endlich mal an Kontrollen und Vorgaben gebunden sein, sonst ermutigt das doch geradezu zu Korruption und wirren Gesetzen.

 

Jedenfalls bin ich nach drei Wochen hier wieder ziemlich demotiviert und auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Was ich natürlich nicht sagen möchte, ist dass die Menschen in Nepal keine Unterstützung beim Wiederaufbau brauchen. Sie brauchen diese mehr als zuvor, weil sich jetzt eben gezeigt hat, dass von der Regierung nicht genug kommen wird. Ich finde es nur wirklich unglaublich, dass die offizielle Seite fast durchgehend agiert, als wären sie der Gegner der Opfer, anstatt diese zu unterstützen. Und diesem Frust musste ich mir jetzt einfach mal von der Seele schreiben.

 

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